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CANDOG Fachseminare Blog - Lust am Frust

HUNDETRAINERIN MAREN GROTE ÜBER DIE FÄHIGKEIT, EINFACH MAL LOCKER ZU BLEIBEN.

Frust ist blöd. Langweilig. Gemein

Frust ertragen können ist eine Fähigkeit. Wer nicht gleich bei jeder Kleinigkeit aus der Hose springen muss, der kommt entspannter und glücklicher durchs Leben.

Menschen mit einer hohen Frustrationstoleranz, also einer großen Fähigkeit, trotz Frust locker zu bleiben und das Beste aus der Situation zu machen, bezeichnen wir gerne als „tiefenenspannt“ oder „in sich ruhend und souverän“. Wer sich nicht von seiner Ungeduld leiten lässt, der kann aus den Zitronen, die das Leben ihm vorwirft, Limonade machen.

Frustrationstoleranz ist also auch ein Grundbaustein für eine positive Lebenseinstellung und die Kraft, selbst in schwierigen Situationen die Kontrolle behalten zu können. Und zwar die Kontrolle über sich und seine eigene Wahrnehmung, selbst wenn man an den Umständen um einen herum nichts verändern kann. Es ist etwas wonach wir Menschen streben und was wir an Anderen bewundern. Wenn uns diese Fähigkeit so sehr im Leben hilft, warum sollte sie nicht auch unseren Hunden gut tun?

Jeder Hund kommt als eigener Charakter zur Welt

Er bringt Grundfähigkeiten mit und hat Talente und Schwierigkeiten. Die Talente zu fördern bringt uns Spaß. Den sie zu fördern ist leicht und fällt auf fruchtbaren Boden. Schnell zeigen sich Fortschritte, der Hund freut sich ebenso wie wir, dass er den Ansprüchen spielend leicht gerecht werden kann und Andere bewundern uns für das außergewöhnliche Können unseres Hundes.

Etwas zu üben, in dem unser Hund wenig Talent mitbringt, ist dagegen weniger attraktiv. Es nervt – uns und auch unseren Hund – es ist ein bisschen wie die ungeliebten Hausaufgaben damals in der Schule. Das Fach, das uns so gar nicht lag. Wer mag das schon?

Aber wer würde sich schon freiwillig damit befassen, diese Dinge mühsam zu erlernen? Wahrscheinlich keiner. Das heißt, irgend Jemand, der uns Gutes will und möchte, dass wir später einmal gut in der Welt zurecht kommen, muss sich dem Problem annehmen und uns in die Konfrontation mit den Aufgaben bringen, die wir so gar nicht gut können.

Das nennt man dann Erziehung. Das Vorbereiten auf die Welt und ihre Anforderungen und manchmal auch das Aufdrücken von ungeliebten Aufgaben.

So ist es auch bei Hunden

Die meisten von ihnen bringen wenig Talent mit, Frust zu ertragen und nicht gleich vor Wut, Trauer oder Verzweiflung auszuflippen, nur weil es mal gerade nicht nach ihrer Nase läuft.

Und wenn sie es nicht mit unserer Hilfe lernen, dann haben sie auch keinen Anstoß, jemals gut mit frustrierenden Umständen klar zu kommen. Stellen sie sich vor, sie würden jeden kleinen Rückschlag, jede Langeweile und jede Form der Abweisung sofort als riesiges Problem ansehen. Wie anstrengend wäre unser Tag?

Morgens beim Bäcker müssten wir in der Schlange warten, obwohl wir es eilig haben. Es wird erwartet, dass wir trotzdem freundlich den Bäcker um ein Brötchen bitten und die Menschen vor uns in der Schlange nicht weg schubsen, um schneller dran zu kommen. Auch lautes Schreien und Weinen würde auf wenig Gegenliebe bei den Umstehenden treffen. Zu Recht. Man kann eben bei kleineren Problemen erwarten, dass ein Erwachsener sich zusammen reißen kann.

Und selbst bei größeren Problemen, die uns kurzzeitig stark belasten, ist es sinnvoller, überlegt und aktiv nach Auswegen zu suchen als in seiner Verzweiflung zu ersticken.

Menschen und Hunde lernen diese Fähigkeit aktiv

CANDOG Fachseminare Blog - Hund steht am StrandKinder bekommen beigebracht am Tisch zu sitzen, bis alle aufgegessen haben. Die Zähne zu putzen, obwohl sie müde sind und nur ins Bett wollen und selbst große Ungerechtigkeiten und Verluste nicht mit Gewalt und unkontrollierten Ausfällen zu beantworten.

Und Hunde brauchen solche Aufgaben zum Schulen der Ruhe und Souveränität. Hilfreich ist da natürlich immer ein Lehrmeister, der selbst ruhig und gelassen ist. Der das ausstrahlen kann, was er von mir erwartet.

Muss ich mich als Hund zusammen reißen, dann hilft mir kein Mensch, der selbst laut, hektisch, quietschig oder ungeduldig ist. Ruhig und bestimmt, sanft, konsequent, wohlwollend und zugewandt sollte er sein während er die Aufgaben für den Hund gestaltet. So kann auch der Hund schneller zu dem Ergebnis kommen, dass ein bisschen Frust kein Beinbruch ist und ein bisschen Langeweile nicht das Todesurteil.

Früh übt sich auch in diesem Falle

Ein aktives Erlernen von Frustrationstoleranz kann und sollte bereits im Welpenalter stattfinden. Dafür braucht man keine extra Zeit für ein Training. Das Leben bietet tausend Möglichkeiten zu üben, nicht direkt alles tun zu dürfen und ohne ständige Bespaßung und Ansprache (egal ob Lob oder Strafe) durchs Leben zu kommen. Nicht immer im Mittelpunkt zu stehen und nicht das Geschehen zu leiten, das ist etwas, das viele Hunde kaum kennen.

Als Besitzer kann man sich dafür einmal probehalber ansehen wie ein normaler Tag mit seinem Hund so verläuft. Wer lenkt eigentlich wen? Wer agiert und wer reagiert in unserer Beziehung?

Als Reaktion zählt selbstverständlich auch ein Blick, ein Befehl, oder auch jede Form von Strafe. Rufe ich tatsächlich meinen Hund, agiere also und er reagiert in dem er kommt? Oder rufe ich ihn nur, weil er wieder sehr weit vor gelaufen ist und mich eigentlich durch seinen Abstand zum reagieren, nämlich zum Rufen gebracht hat?

Ist der Hund es gewohnt pausenlos zu agieren und immer irgendeine Reaktion zu bekommen, dann ist es für ihn natürlich selbstverständlich, dass alles was er tut und lässt einen gravierenden Einfluss auf die Welt hat. Wer sollte ihm das auch verübeln?

Bekommt er dann plötzlich keine Reaktion, kann es natürlich sein, dass er das erst einmal als Frechheit ansieht, oder es in ihm großen Frust hervorruft. Das kann sehr anstrengend und peinlich für den Besitzer sein. Deswegen wird es gerne vermieden.

Langweilig

CANDOG Fachseminare Blog - Hund liegt am StrandLangeweile kennen die meisten Hunde nur, wenn sie alleine sind und erstaunlicher Weise kommen sie damit gut klar. Während sie bei Anwesenheit des Besitzers eventuell ständig Beachtung und Beschäftigung einfordern, schlafen sie ruhig und friedlich, sobald sie wissen, dass jetzt sowieso nichts spannendes passieren wird.

Für uns Menschen ist es die schwerste Aufgabe den Hund nicht alleine zu lassen, sobald er mal Frust erlebt und ihn diese Erfahrung zum Beispiel nur beim alleine bleiben in der Wohnung machen zu lassen, sondern aktiv mit in diesen Situationen dabei zu sein, sie sogar absichtlich zu gestalten und dazu zu stehen, dass wir sie gemacht haben.

Wie können wir von unseren Hunden verlangen Langeweile zu ertragen, oder etwas nicht tun zu können, was was gerne würden, dann aber im Gegenzug nicht ruhig ertragen können, wie unser Hund wütend wird oder um Aufmerksamkeit buhlt?

Gemeinsam zu erfahren und zu lernen, dass man ohne Knochen und Spielzeug auch unter einem Restaurant-Tisch liegen kann und das ein Hund auch irgendwann aufhört einen zu nerven oder lauter „lustige“ Ideen entwickelt, sich die Situation kurzweiliger zu gestalten ist dagegen etwas, was einen zusammen bringt und Möglichkeiten eröffnet.

Fazit:

Eine hohe Frustrationstoleranz macht uns und unseren Hunden das leben leichter. Vom „an der Leine Gehen“ bis zum „Auf andere Hunde zustürmen“, alles wird entspannter, wenn Hund und Halter grundsätzlich Ruhe bewahren können und Reize auch mal links liegen lassen können.

Wir Menschen nehmen Hunde zu uns und verpflichten uns damit für ihr Wohlsein und ihre Erziehung zu sorgen. Einem Hund jeden Frust zu ersparen, alle Aufregung und Langeweile, Wut und Abneigung von ihm fern zu halten macht unseren Hund aber nicht glücklicher, sondern unmündig und unselbständig.

Er ist damit immerzu auf uns und unser Eingreifen angewiesen und kann sich nicht zu einem erwachsenen Lebewesen entwickeln, sondern bleibt abhängig und schnell überfordert, wenn das Leben doch mal mit einer Überraschung um die Ecke kommt.

Wer seinem Hund liebevoll und als gutes Vorbild die Welt zeigt, mit ihren lustigen und langweiligen Seiten, der wird mit einer gleichberechtigten und vertrauensvollen Beziehung belohnt und bekommt eine echte Freundschaft, satt kindlicher Abhängigkeit.

Lies mehr von Maren Grote:

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Über die Autorin
Maren Grote HundetrainerinMaren Grote ist zertifizierte Hundetrainerin und CANIS-Absolventin. Mit ihren beiden Hunden Hummel und Nanu! lebt sie östlich von Hamburg, wo sie ihre Hundeschule „Lotte-Hundetraining“ betreibt. In ihren Seminaren und Einzelstunden berät Maren zu den Schwerpunkten Hundeerziehung, Ernährung und artgerechte Auslastung. www.lotte-hundetraining.de

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5 Comments, RSS

  • Thomas Merten

    says on:
    21. Juli 2016 at 20:08

    Wo finde ich bloß nur noch Platz hinter meinen Ohren, um das aufzuschreiben? 😉

  • Cornelia Brinckmann

    says on:
    2. August 2016 at 00:30

    Der Artikel / Blogbeitrag spricht mir aus der Seele ! Eine gute Hundemama lehrt schon die Welpen Frust in Maßen zu ertragen . Ich habe hier eine tolle Hundemama , die das nicht nur ihren Welpen auf eine tolle Art und Weise lehrt , sondern auch fremden Hunden , Sie ist dabei sehr sicher was Qualität , Quantität und Intensität betrifft , und greift nur ein , wenn die Situation das erfordert , und das auch noch punktgenau zum richtigen Zeitpunkt – ich habe durch sie sehr viel gelernt und lerne noch immer dazu . All das bestätigt mich darin mein Bauchgefühl und gesunden Menschenverstand mit in die Erziehung einfliessen zu lassen – ich glaube , das täte uns allen sehr gut. Übrigens beweisen Studien , dass Welpen , die schon früh in Maßen Frust ausgesetzt waren , intelligenter werden und besser durchs Hundeleben kommen, da sie schon früh die Möglichkeit hatten Frust ausprobieren zu können und sich ihre Strategie entwickeln können . Sorry , etwas weit ausgeholt , aber die Kinderstube und das beste und nachhaltigste Lernen findet eben schon in der Wurfkiste statt …

  • Andrea Nissen

    says on:
    4. August 2016 at 16:46

    sehr interessanter Artikel,werde es mir zu
    Herzen nehmen,toll geschrieben,mein Hund lernt nach 5Jahren ruhe in der Wohnung zu halten,da passiert nichts,draussen will sie immer was machen,da bekomme ich auch mal ein schau von ihr,sonst macht sie ihr ding,sie geht auf andere Hunde los an der Leine,wir laufen draußen nie entspannt,früher stand sie auf 2beinen zähne fletschend in der Leine,heute muß ich großen bogen laufen,wenn andere Hunde kommen,wenn es eng ist der weg,laufe ich wieder zurück,ich kann meine angespanntheit draußen nicht runter schrauben,natürlich überträgt sich das alles auf den Hund,hatten auch 2mal einen Hundetrainer zu Hause,wurde da durch ein bischen besser,kann mir aber keine Einzelstunden mehr leisten,wenn sie 40euro kosten,da ich Arbeitslos bin wir haben viele Baustellen,eine ist weg,eine neue ist da,wenn sie im freilauf ist und es kommen andere Hunde macht sie sich groß mit Nackenhaar auf gestellt gehe dann immer weiter,wenn ich stehen bleiben,bürstet sie sich auf,dann geht es meistens nicht gut,trotzdem sind wir jeden Tag mit 2großen runden unterwegs die zwischen2-3stunden dauern,mit viel baden,ich glaube ich könnte ein Buch schreiben,was bei uns alles schief gelaufen ist,habe sie mit 3Monaten bekommen,sie ist eine Border-Retriver-Neupfundländermischling-Flatkot,eine <Hündin unkastriet,7Jahre alt

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