Hundewelpen im Körbchen | CANDOG Blog

Welpentest sollen Auskunft über die Persönlichkeit eines Hundes geben. Sie sollen helfen, einen geeigneten Besitzer zu finden, Prädisposition von Verhaltensproblemen frühzeitig zu erkennen und Vorhersagen darüber treffen, ob der Hund als Diensthund bei Polizei oder Militär oder als Servicehund geeignet ist. Bisherige Studien über die Aussagekraft von Welpentest liefern allerdings sehr widersprüchliche Ergebnisse.

Zunächst stelle ich zwei gängige Welpentests vor:

Der Biotonus-Test

Der Biotonus-Test wurde in den 1970ern von Eberhard Trumler entwickelt. In der ursprünglichen Form dieses Tests wird der Welpe direkt nach der Geburt in die Mitte eines Brettes gelegt, auf dem 16 bezifferte Felder markiert sind. Nun wird der Welpe 4 Minuten lang beobachtet und gemessen, wie viel er sich bewegt (also wie viele Felder er „durchläuft“) und wie viele und wie intensive Lautäußerungen er von sich gibt. Nach Trumlers Interpretation besitzt ein Welpe, der sich in dieser Situation viel bewegt, einen hohen „Biotonus“ (oder auch Lebenswillen). Welpen, die sich hier kaum bewegen, würden wenig Lebenswillen besitzen und wären in der freien Natur nicht überlebensfähig.

Auch heutzutage wird dieser Test in leicht abgewandelter Form von vielen Züchtern durchgeführt. Man verspricht sich davon, Hinweise über die spätere Persönlichkeit des Hundes zu erhalten. So soll der Test zum Beispiel vorhersagen, wie aktiv, wie schreckhaft und ängstlich, oder wie kooperationsbereit der Hund später ist.

Allerdings gibt es bis dato keinerlei wissenschaftliche Daten, die die Aussagekraft dieses Tests belegen.

6-Wochen-Test

Ähnlich sieht es auch für den sogenannten 6-Wochen-Test aus, der 1975 von Campbell entwickelt wurde und heute in ähnlicher Form angewendet wird. Mit diesem Test soll unter anderem festgestellt werden, wie gesellig, dominant oder aggressiv ein Hund ist.

Dabei wird der Welpe unterschiedlichen Situationen ausgesetzt und sein Verhalten analysiert. Beispielsweise wird untersucht, wie er sich in einem fremden Raum verhält, wie er auf einen fremden Menschen reagiert, ob er sich hochheben lässt oder wie er sich verhält, wenn man ihn auf den Rücken dreht.

Bisherige wissenschaftliche Erhebungen über die Vorhersagekraft dieses Tests ergeben ein unklares Bild.

Eine Langzeitstudie

Spielende Hundewelpen | CANDOG BlogIn einer Längsschnittstudie haben Stefanie Riemer und ihre Kollegen von der Universität Wien Border Collies in verschiedene Lebensabschnitten verschiedenen Persönlichkeitstest unterzogen. Zunächst wurden 99 Border Collies im Alter von 2-10 Tagen dem sogenannten „Neugeborenentest“ unterzogen. Eine weitere Untersuchung fand im Alter von 40-50 Tagen statt (Welpentest). Hierbei wurden 134 Welpen bei ihren Züchtern getestet (einschließlich 93 Individuen, die bereits im Neugeborenentest untersucht wurden). 50 von ihnen nahmen im Alter von 1,5 – 2 Jahren abermals an einem Verhaltenstest teil (Erwachsenentest). Ziel dieser Studie war es, herauszufinden, ob man mit dem Neugeborenen- bzw. Welpentest zukünftiges Verhalten vorhersagen kann.

Der Neugeborenentest ähnelt dem oben erwähnten Biotonustest. Dabei wurde die Mutter ca. 2 Stunden vor Testbeginn vom Wurf separiert. Im Test wird der Welpe dann in die Mitte einer Decke gesetzt, welche in 16 Quadrate unterteilt ist. Die Wissenschaftler haben gemessen, wie oft sich der Welpe bewegte, wie viele Quadrate er berührte und wie lange bzw. wie intensiv er Lautäußerungen von sich gab. Nach zwei Minuten nahm die Versuchsleiterin den Hund hoch und lies ihm am Finger saugen. Dabei wurde die Saugintensität bewertet.

Sowohl der Welpentest, der im Alter von 40-50 Tagen durchgeführt wurde (ähnlich wie 6-Wochen-Test), als auch der Erwachsenentest enthielt Untersuchungen in folgenden Kategorien:

  1. Erkundungsverhalten in der neuen Umgebung
  2. Interaktion mit einem unbekannten Versuchsleiter
  3. Spielsituation
  4. Reaktion auf ein unbekanntes Objekt
  5. sozialer Konflikt (bei den Welpen drei Tests, in denen sie in ihrer Bewegung stark eingeschränkt wurden und bei den Erwachsenen eine bedrohliche Annäherung durch den Versuchsleiter)

Kein Zusammenhang!

Die Autoren konnten keinerlei Zusammenhang zwischen den gemessenen Werten im Neugeborenentest und den Messungen im Welpen bzw. Erwachsenentest finden. Das bedeutet, dass der Neugeborenentest keinerlei Voraussagekraft hat. Weder kann er Hinweise darauf geben, wie sich der Hund im Alter von ca. 6 Wochen verhalten wird, noch gibt es Hinweise darauf, wie er sich im Erwachsenenalter verhält.

Auch der Vergleich zwischen dem Welpentest und dem Erwachsenentest ergab lediglich einen einzigen Zusammenhang: Das Erkundungsverhalten in der neuen Umgebung. Je mehr Erkundungsverhalten der Welpe in der neuen Umgebung gezeigt hat, umso aktiver war er auch als erwachsener Hund in einer ähnlichen Situation.

Weder das zukünftige Verhalten in sozialen Situationen, die Reaktion auf fremde Menschen oder unbekannte Objekte, noch das Verhalten in einer sozialen Konfliktsituation lassen sich durch diesen Test vorhersagen. Also hat auch der Welpentest, der im Alter von 6-7 Wochen durchgeführt wurde, nur eine sehr begrenzte Aussagekraft über das zukünftige Verhalten des Hundes

Wie sieht es bei Wölfen aus?

Wolf mit Welpen - CANDOG BlogVergleichbare Ergebnisse wurden auch in einem ähnlichen Test mit Wolfwelpen erzielt, der in den 1980ern von Kevin MacDonald durchgeführt wurde. Er stellte fest, dass sich die individuellen Verhaltensunterschiede erst ab dem 86. Tag stabilisieren. Innerhalb dieses Entwicklungszeitraumes gab es sogar drastische Veränderungen. So wurde der ursprünglich ängstlichste Wolfswelpe später derjenige, der im Vergleich zu seinen Geschwistern am freundlichsten auf Menschen zuging.

Diese Ergebnisse sind nicht überraschend, denn auch bei anderen Tierarten, zum Beispiel Makaken oder Paviane, aber auch beim Menschen, gibt es kaum einen Zusammenhang zwischen dem Verhalten in den ersten Lebenswochen/-monaten und der späteren Persönlichkeit. Es spielen nämlich auch folgende Lebensabschnitte eine wichtige Rolle in der Wesensausbildung. Zum Beispiel in der Pubertät. Während dieser Zeit gibt es tiefgreifende Veränderungen im zentralen Nervensystem. Und das betrifft nicht nur Menschen, sondern auch Hunde.

Fazit

Sowohl der Neugeborenen-, als auch der Welpentest stellen nur eine Momentaufnahme dar. Sie können zwar den „Ist“-Zustand der individuellen Unterschiede der Welpen aufzeigen, haben aber sehr wenig bis keine Aussagekraft über das zukünftige Verhalten des Hundes. Auch wenn die Sozialisierungsphase eine sehr wichtige Bedeutung für die Persönlichkeitsentwicklung eines Hundes hat, spielen auch spätere Umwelteinflüsse eine Rolle. Denn alle individuellen Erfahrungen während des gesamten Lebens haben Einfluss auf die Persönlichkeitsentwicklung.

Quellen:

  • MacDonald, K. (1983). Stability of individual differences in behavior in a litter of wolf cubs (Canis lupus). Journal of Comparative Psychology, 97(2), 99.
  • Riemer, S., Müller, C., Virányi, Z., Huber, L., & Range, F. (2014). The predictive value of early behavioural assessments in pet dogs–A longitudinal study from neonates to adults. PloS one, 9(7), e101237.
  • http://journals.plos.org/plosone/article?id=10.1371/journal.pone.0101237

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Über die Autorin
Marie Nitzschner - Verhaltensbiologin | CANDOG FachseminareDr. Marie Nitzschner ist promovierte Verhaltensbiologin und hat in den letzten 10 Jahren am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie über die kognitiven Fähigkeiten von Hunden geforscht.

Sie hat mehrere Studien selbst konzipiert, durchgeführt und wissenschaftlich publiziert. Durch den Besuch zahlreicher Konferenzen verfügt sie über einen tiefgreifenden Einblick in den aktuellen Forschungsstand zum Thema Hund.

Seit Anfang des Jahres 2016 ist sie auch Teil des Dozententeams der Hundetrainerausbildung „KynoLogisch„. In diesem Rahmen vermittelt sie zusammen mit Dr. Nora Brede die biologischen Grundlagen von Hundeverhalten.
In ihrem Blog hundeprofil.de stellt sie aktuelle Studien und Forschungsergebnisse rund um den Hund vor.


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2 Kommentare, RSS-Feed

  • Corrie und Caro

    says on:
    12. November 2016 um 17:10

    Ein sehr schöner Artikel, der die Sachlage objektiv beschreibt.

    Ich denke, dass das Verhalten eines Hundes nur zu einem geringen Teil genetisch bedingt ist. Viel mehr kommt es darauf an, welchen Umwelteinflüssen er v.a. in der kritischen Entwicklungszeit ausgesetzt ist. Oder, ob er traumatische Erfahrungen etc. macht.

    Aber es scheint einfach eine Angewohnheit des Menschen zu sein, alles planen, messen und vorhersagen zu wollen.

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