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CANDOG Blog - Interview mit Juliane Kaminski

Dr. Juliane Kaminski, Senior Lecturer an der University of Portsmouth, beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit den kognitiven Fähigkeiten des Haushundes und vergleicht sie mit denen anderer Arten, wie z.B. mit denen unserer nächsten lebenden Verwandten, den Schimpansen, oder auch denen des Menschen.

Liebe Frau Kaminski, wie sind Sie zur Forschung am Haushund gekommen und was fasziniert Sie so daran?

Mich interessiert die Evolution von kognitive Fähigkeiten. Der Hund fasziniert mich in diesem Zusammenhang besonders, weil er eine so besondere, evolutionäre Vergangenheit hat. Er lebt schon seit ca 30.000 Jahren mit dem Menschen zusammen. Wir gehen davon aus dass der Selektionsdruck auf den Hund während dieser Zeit nicht nur zu der Veränderung körperlicher Merkmale geführt hat sondern auch zu der Veränderung von Verhalten und vielleicht (so ist die Hypothese) auch zu Veränderungen der kognitiven Fähigkeiten und einer Anpassung an den Menschen.

Wie können wir uns so einen „Forscheralltag“ vorstellen?

Ein Forscherleben besteht aus der direkten Arbeit mit dem Hund… also dem Sammeln von Daten aber, und das zu einem größeren Teil, vor allem aus dem Auswerten dieser Daten und dann aus dem Verfassen von wissenschaftlichen Arbeiten und Artikeln in denen diese Ergebnisse dann zusammengefasst einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden.

Was für Erkenntnisse konnten Sie durch Ihre Forschungen der kognitiven Fähigkeiten der Hunde erlangen?

In den letzten 30 Jahren ist die Forschung zu den kognitiven Fähigkeiten des Haushundes förmlich explodiert. Wir können heute sagen, dass es große Evidenz dafür gibt, dass sich der Hund in seinem Verhalten in besonderer Weise an das Leben mit dem Menschen angepasst hat. Das zeigt sich vor allem in den kommunikative Fähigkeiten des Hundes. In diesem Bereich zeigt der Hund Fähigkeiten, die wir so bei keinem anderen Tier finden.

Wie sind, aus Ihrer Sicht, diese Erkenntnisse im heutigen Hundetraining zu berücksichtigen? Was beutet das konkret für den zukünftigen Umgang mit dem Hund und für die Beziehung zwischen Mensch und Hund?

Was die Forschung deutlich zeigt ist das Hunde flexible Entscheidungen fällen können um Probleme zu lösen. Das gilt sowohl für Probleme in der belebten als auch Probleme in der unbelebten Umwelt. Das widerlegt veraltete Herangehensweisen in denen der Hund als Wesen betrachtet wird, dessen Verhalten nur durch Konditionierung beeinflusst werden kann. Außerdem zeigt die Forschung das der Hund in seinem Verhalten in spezieller Weise an den Menschen angepasst zu sein scheint. Dem Hund sind also bestimmte, grundsätzliche Fähigkeiten, die zu einem guten gelingen der Hund-Mensch Beziehung beitragen mitgegeben.

Der Hund als sozial im Familienverband lebendes Säugetier ist ja darauf angewiesen, vor allem im sozialen Kontext zu lernen. Stichwort Kommunikation. Welche Erkenntnisse ergeben sich aus Ihren Studien zum sozialen Lernen (Wobei hier nicht „do as I do“ gemeint ist)?

Wenn es heißt ein Tier lernt sozial dann ist „Soziales lernen“ erst einmal ein weit gefasster Begriff. Zunächst einmal ist der Begriff zu definieren als „Fähigkeiten, die das Individuum schneller, besser, präziser etc. erlernt, wenn es die Möglichkeit hat einen anderen bei der zu erlernenden Tätigkeit zu beobachten“. Wir Menschen sprechen dann sehr schnell von „Imitation“. Wir imitieren andere. Wir kopieren die Handlungen anderer präzise und können so in sehr kurzer Zeit komplexe Handlungen erlernen. Imitation ist also ein bestimmter Mechanismus des sozialen Lernens, bei dem sich die Wissenschaft die Frage stellt ob er einzigartig menschlich ist oder ob wir auch andere Tierarten finden, die das verhalten anderer präzise kopieren. Unsere Forschung hat zum Beispiel gezeigt, dass Hunde zwar davon profitieren wenn sie einen anderen Hund bei einer Handlung beobachten, was jedoch nicht heißt, dass sie das Verhalten anderer wirklich präzise imitieren.

Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe dafür, dass die behavioristischen Lerntheorien nach wie vor als die einzig gültigen benannt und aktuellere Erkenntnisse abgeschlagen werden?

Ich denke es wird nach wie vor in zwei Extremen gedacht. Der Hund wird entweder als Wesen betrachtet bei dem nur durch verschiedene Arten von Konditionierung Verhaltensänderungen erreicht werden können, aber ein flexibler Denkprozess beim Hund ausgeschlossen wird oder der Hund wird vermenschlicht und betrachtet als lägen seinem Verhalten dieselbe kognitive Prozesse zugrunde wie dies des Menschen und alles sei eigentlich direkt vergleichbar. Beides wird dem Hund nicht gerecht und beide Ansätze stehen einem echten Verständnis für den Hund im Weg.

Ich habe von Ihren Forschungen zu den Mimiken von Hunden gelesen, die über die DogFACS Technologie analysiert wurden. Mögen Sie uns genauer erklären, worum es bei diesem Projekt geht und welche Erkenntnisse Sie bis jetzt daraus gewinnen konnten?

FACS steht für Facial Action Coding System und ist ein System, das ursprünglich entwickelt wurde, um die Gesichtsbewegungen des Menschen genauer zu untersuchen. In den letzten Jahren wurde dieses System nun weiterentwickelt und für verschiedene Tiere entwickelt wie z.B. Schimpansen, Orangutans, Gibbons, Pferde, Katzen und eben Hunde (DogFACS).

Es ist ein Muskel-basiertes System, in dem die Gesichtsbewegungen basierend auf der genauen Kenntnis der Gesichtsanatomie studiert werden. Das Kodierungssystem basiert auf sogenannten Action Units (AUs) die mit Nummern versehen werden. Das führt dazu, dass ich ein völlig objektives Kodierungssystem habe. Ich betrachte nun nicht mehr Videodaten von Hunde und sage „der Hund guckt ängstlich oder aggressiv“, sondern „der Hund hat AU101 bewegt oder AU145“. Damit wird eine objektive Betrachtung möglich.

Was wir im Moment studieren ist, in wieweit der Hund seine Gesichtsmimik in kommunikativen Situationen mit dem Menschen als intentionales Signal einsetzt und wie dies den Menschen beeinflusst.

 Vielen Dank für das interessante Interview Frau Kaminski. 

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Über die Autorin
Juliane Kaminski - Verhaltensforschung | CANDOG FachseminareDr. Juliane Kaminski, Senior Lecturer an der University of Portsmouth, beschäftigt sich seit über 15 Jahren mit den kognitiven Fähigkeiten des Haushundes und vergleicht sie mit denen anderer Arten wie z.B. mit denen unserer nächsten lebenden Verwandten den Schimpansen oder auch denen des Menschen.

Hierbei interessiert sie sich besonders für die Hund-Mensch Kommunikation und was der Hund eigentlich wirklich über die Kommunikation des Menschen versteht sowie auch Fragen zu den kooperativen und anderen sozial kognitiven Fähigkeiten des Hundes.


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