Interview mit Raoul Weber

Interview mit Raoul Weber


CANDOG im Interview mit Raoul Weber.


Raoul Weber ist Hundepsychologe und Wildnispädagoge, er hat die Ausbildung zum Tracker (Fährtenleser) abgeschlossen und vor kurzem sein erstes Buch – Wilde Pfade – veröffentlicht. Ahnst du schon, wovon es handelt?

Raoul liebt die Natur und er liebt Hunde. Und so hat er es sich zur Aufgabe gemacht, Menschen mit ihren Hunden die Natur wieder näherzubringen, sie zu unterstützen, eine tiefere Verbindung mit der alten Heimat herzustellen und einen achtsamen Umgang mit ihrem Hund und den eigenen Ressourcen zu finden.
In seinem Buch schreibt er: „Natur ist unsere Heimat. Und die unseres Hundes. Ich denke, es ist an der Zeit, nach Hause zu kommen. Unser Hund kennt den Weg – folgen wir ihm.“
Schließlich stammen wir doch alle aus der Natur und von Mutter Erde, jahrtausendelang haben wir im Einklang mit ihr gelebt, kannten uns in der Natur aus wie im heimischen Wohnzimmer. Der Hund begleitet uns dabei seit über 35.000 Jahren, so lange wie kein anderes Haustier. Zusammen sind wir vor Jahrtausenden sesshaft geworden, nur leider haben wir Menschen seitdem mehr und mehr die Sprache der Natur vergessen. Der Hund ist das Bindeglied zur Natur, seine Instinkte sind noch intakt. Kann er uns helfen, wieder mit unserer Heimat in Kontakt zu kommen?

Raoul, Du hast vor langer Zeit Hundepsychologie studiert. Wie bist Du dann zur Wildnispädagogik gekommen?


Mein Weg von der Hundepsychologie zur Wildnispädagogik war ein langer Prozess. Ungefähr ein Jahr nach Beginn meines Studiums zogen meine damalige Freundin und ich mit unseren fünf Huskys in ein kleines Haus am Waldrand. Wann immer ich Zeit fand, streifte ich – mit oder ohne hündische Begleitung – durch die großen Wälder meiner neuen Heimat.
Das hatte zur Folge, dass ich mich in meiner tierpsychologischen Ausbildung und den begleitenden Praxis-Seminaren zunehmend fremd fühlte. Die dort vorherrschende Motivation, jegliches Verhalten des Hundes regelrecht zu sezieren, und all die vielen wissenschaftlichen Studien bildeten einen immer stärker werdenden Kontrast zu meiner Naturverbundenheit.
Es dauerte dann aber tatsächlich noch viele Jahre, bis ich mit der Wildnispädagogik in Berührung kam. Endlich fand ich meinen Weg. Für mich war das eine regelrechte Offenbarung!

Gab es Menschen, die Dich inspiriert haben, diesen Weg einzuschlagen?


Ja, Wolf-Dieter Storl ist einer von ihnen. Er ist Kulturanthropologe und Ethnobotaniker. Deshalb betrachtet er Themen wie beispielsweise „Der Mensch und seine Verbindung zur Natur“ aus einer für mich total spannenden Perspektive.

Neben ihm haben mich Anna Breytenbach und Jon Young sehr inspiriert. Anna ist eine sehr erfolgreiche Tierkommunikatorin aus Südafrika. Jon ist Wildnismentor und Tracker. Er stammt aus den USA und hat das Prinzip der heutigen Wildnispädagogik maßgeblich beeinflusst.
In einer Dokumentation über Anna sprechen beide darüber, dass Fährtenlesen und Tierkommunikation viele Gemeinsamkeiten haben. Gut möglich, dass die Tierkommunikation ihren Ursprung im Tracken hat. Schließlich stellt man beim intuitiven Fährtenlesen auch eine geistige Verbindung zu dem Tier her, dem man folgt.
In dem Film kommen auch Tracker aus indigenen Kulturen zu Wort. Sie beschreiben, wie sie während des Spurenlesens regelrecht mit dem Tier verschmelzen. Dieser Film hat total viel mit mir gemacht.



Was bedeutet für Dich das Wort „Wildnis“?


Wildnis bedeutet für mich in erster Linie Natur. Sie besteht also nicht zwingend aus einer endlosen, menschenleeren Weite. Was wir auf einem Streifzug durch den Wald alles entdecken und erleben, steigert sich ja nicht proportional mit der Größe des Gebiets.
Aber selbst in der Stadt geht es ziemlich wild zu: Wir Menschen haben vielerorts Städte und Straßen in die Wildnis gebaut, haben sie „urban“ gemacht. Aber sie ist deshalb ja nicht gänzlich verschwunden. Wildnis ist kein Paralleluniversum. Auch in Städten leben Wildtiere, stehen Bäume und wachsen Wildpflanzen. Wenn wir unseren Blick dafür schärfen, werden wir staunen, was wir alleine auf einer einzigen Gassirunde mit unserem Hund alles entdecken.
Ich finde, dieses Bewusstsein ist sehr wichtig. Es hilft uns, uns wieder mit der Natur zu verbinden. Sie ist schließlich unsere alte Heimat – und die des Hundes. Nur im Gegensatz zu uns nimmt er die Natur nach wie vor sehr intensiv wahr. Wir Menschen dagegen scheinen uns irgendwie ausgeklinkt zu haben.
Das finde ich übrigens sehr interessant: Wir alle haben irgendwie den Wunsch, eine möglichst enge Bindung zu unserem Hund herzustellen. Da wäre es doch eigentlich naheliegend, sich auch der gemeinsamen Herkunft wieder mehr bewusst zu werden!

Hat sich durch die Ausbildung zum Wildnispädagogen und Tracker Dein Blick auf Hunde verändert?


Verändert würde ich nicht unbedingt sagen. Ich denke, ich bin wieder bei mir angekommen. Ein Analysieren des Verhaltens im klassischen, tierpsychologischen Sinne findet bei mir kaum noch statt. Vielmehr sehe ich in jedem Mensch-Hund-Team in allererster Linie das, was sie von Natur aus sind: zwei Seelen, die einen gemeinsamen Ursprung haben und Seite an Seite durchs Leben gehen.
Das bedeutet natürlich nicht, dass ich Bereiche wie Hundetraining, -coaching oder tierpsychologisches Arbeiten für überflüssig oder gar falsch halte! Ich habe nur erkannt, dass andere das weitaus besser können und ich einem anderen Pfad folgen sollte. Inzwischen habe ich einen anderen, natürlicheren Blickwinkel. Dazu gehört sicher auch der Bereich Intuition. Sie hat ihren Ursprung ebenfalls in der Natur und kann uns Hundehaltern eine große Hilfe sein.

Menschen haben sicher unterschiedlichste Gründe, ihr Leben mit einem Hund zu teilen. Eine Motivation könnte die Verbindung durch den Hund zur Natur sein. Was denkst Du?


Das sehe ich auch so. Viele Menschen sehnen sich nach Natur, ohne dass es ihnen vielleicht bewusst ist. Durch den Hund werden wir animiert, vermehrt nach draußen zu gehen. Vermutlich würden das viele von uns ohne ihre Vierbeiner nicht so oft tun. Vielleicht auch aus der Befürchtung heraus, dass ihr Umfeld das negativ bewerten würde.
Es ist ja so: Gehen wir unter der Woche und mitten am Tag mit dem Hund spazieren, sind wir verantwortungsvolle Hundehalter. Tun wir dies ohne Hund und dann auch noch regelmäßig, müssen wir damit rechnen, schief angeguckt zu werden. Schließlich ist vermeintliches Nichtstun nur was für Alte, Kranke oder kleine Kinder. Unsere Gesellschaft mit ihrem leistungsorientierten Denken hat da ganze Arbeit geleistet.

Wie kann uns die Natur in unserer Beziehung zum Hund unterstützen?


Wenn wir uns wieder mit der Natur verbinden, beginnen wir sehr schnell, auch aufmerksamer für unsere alltägliche Umwelt, uns selbst und unseren Hund zu sein. Wir nehmen Dinge differenzierter wahr und bewerten Situationen anders, weil unsere natürlichen Sinne wieder aktiviert werden. Das macht sich natürlich auch im Zusammenleben mit unserem Hund bemerkbar.
Da wäre zum Beispiel die Intuition, die ich bereits ansprach. Sie half uns Menschen schon zu einer Zeit, in der unser Sprachzentrum noch gar nicht entwickelt war. Das ist der Grund, warum sie in Form von Gefühlen und nicht in klaren Gedanken, also Worten, zu uns spricht. Intuition kann uns in unserem Alltag als Hundehalter enorm helfen. Zum Beispiel auf der Hundewiese, wo es vielleicht nach „Ärger riecht“ und wir infolgedessen besonders wachsam sind. Oder beim Tierarzt, der uns mehrere Optionen zur Behandlung unseres Vierbeiners vorstellt.
Aber Natur kann noch mehr. Hier finden wir auch Antworten und Lösungsansätze, wenn irgendetwas nicht so gut läuft und wir uns einen Rat oder eine Entscheidungshilfe wünschen. Das geschieht oft durch Synchronizitäten, also Ereignisse in der Natur, die wir auf unsere persönliche Situation übertragen können und somit inspiriert werden, Lösungen oder Antworten zu finden.

Unterstützt Du Hundehalter*innen in dieser Fragestellung?


Ja, das mache ich sehr gern. Aktuell sitze ich an der Planung für das kommende Jahr. Geplant sind Dinge wie Vorträge, Workshops, aber auch Einzelcoachings. Durch „Du weißt schon, was ich meine, dieses Ding mit „C““ ging`s in diesem Jahr bei mir ziemlich drunter und drüber. Meine Planung wurde ordentlich durcheinandergewirbelt und ich musste recht viel improvisieren. Aber vermutlich ging das jedem von uns so.

Gibt es ein ganz besonderes Erlebnis mit Deinen Hunden in der Natur, das Du mit uns teilen magst?


Ich erlebe nahezu jeden Tag etwas Besonderes oder Schönes. Kleine Abenteuer oder bezaubernde Momente. Ob eine Hirschkuh, auf die mich mein Hund aufmerksam macht, eine Tannenmeise, die uns mit ihrem Ruf warnt, kurz bevor ein riesiger Uhu vollkommen geräuschlos über uns hinwegfliegt, oder ein Hase, der verträumt in der Abendsonne döst und uns gar nicht bemerkt.
Der Zauber solcher Erlebnisse liegt meist darin, dass man sie gemeinsam mit seinem Hund erlebt. Es muss also nicht immer „das ganz große Kino“ sein. Wobei es das da draußen natürlich auch gibt.

Zum Beispiel, als wir einer Wolfsspur folgten und uns plötzlich Isegrim wortwörtlich über den Weg lief. Kurze Zeit später mussten wir feststellen, dass wir mitten in das Rendezvous-Gebiet eines Rudels geraten sind. Das Rendezvous-Gebiet ist sozusagen das Wohnzimmer einer Wolfsfamilie. Dummerweise hatte unser Erscheinen zur Folge, dass wir auch die Welpen voneinander trennten. Wir zogen uns natürlich sofort zurück, um die junge Familie nicht weiter zu stören.

Lieber Raoul, ich danke Dir von Herzen für dieses wundervolle Interview.



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Über Raoul Weber

Raoul Weber ist Hundepsychologe und Wildnispädagoge, er hat die Ausbildung zum Tracker (Fährtenleser) abgeschlossen und vor kurzem sein erstes Buch – Wilde Pfade – veröffentlicht.
Raoul unterstützt Menschen, wieder „nach Hause zu kommen“ und in der Natur heimisch zu werden. Unter www.canidenfreund.de findest du Infos über seine Arbeit und sein Buch "Wilde-Pfade".

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