Home > Wissen Hund > Das Phänomen der Stimmungsübertragung

Hundetrainerin Maren Grote über die Stimmungsübertragung zwischen Mensch & Hund.

Im Fachjargon heißt es „Allelomimetisches Verhalten“, also ansteckendes Verhalten, was die anderen Mitglieder einer Gruppe dazu anregen kann mit zu machen und so schneller und effektiver zu lernen. Menschen und Hunde kennen dieses Verhalten gut und in der Natur hat es einen großen Nutzen, wenn eine Gruppe im Sozialverband schnell und effektiv gleichzeitig arbeiten soll.

Denken wir mal an einen klassischen Hollywood Film, in der ein Heer aus Soldaten in den Krieg ziehen soll. Der Tod ist ziemlich sicher, die Männer auf den Pferden wissen darum und sind eigentlich viel zu jung zum Sterben. Um trotzdem los zu reiten braucht es nun ein bisschen gemeinsame Stimmung. Etwas was verbindet, sich gemeinsam fühlen lässt und einen dazu bringen kann enthemmt und fröhlich ins offene Messer zu gallopieren. Dafür hält der Heeresführer normalerweise eine pathetische Rede, bei der er auf seinem ebenfalls stimmungsvoll aufgeregtem Pferd vor seiner Armee auf und ab reitet.
Er spricht laut und selbstsicher, er wirkt überzeugt und voller Tatendrang. Die Menge johlt ihm zu, alle brüllen und klatschen, ohne das irgendjemand vorher die Neuen eingewiesen hätte, dass man an diesen Stellen johlen und klatschen sollte. Es versteht sich von selbst. Die Stimmung schwappt über und plötzlich fühlen alle den Mut und die Entschlossenheit des Redensführers und erleben ein Gefühl tiefer Verbundenheit. Das ist Stimmungsübertragung.

Bis du Stimmungsannehmer oder Stimmungsmacher?

Das klappt auch bei Konzerten, im Fußballstadium und im Yogaraum. Wir reagieren sensibel auf Stimmungen und wenn wir uns darauf einlassen, dann können wir uns in die Stimmungswelten Anderer entführen lassen. Naturgemäß gibt es bei Menschen wie bei Hunden Stimmungsannehmer und Stimmungsmacher. Alles Andere wäre ja auch ziemlich blöd. Würde jeder schnell Stimmungen aufnehmen, würden sich in Gruppen alle wie Fähnchen im Wind miteinander auflösen. Würde jeder gerne Stimmungen vorgeben, dann würde jeder vormachen und keiner folgen. Beides ist richtig, beides gehört dazu, damit das Konzept funktioniert.

Bevor man sich also als Hundebesitzer daran macht eine Stimmung vorgeben zu wollen, könnte man erstmal überlegen, ob man grundsätzlich ein vorgebender, oder ein einsteigender Typ ist. Jeder von uns trägt beide Seiten in sich. Wer sich also eher für jemanden hält der schnell von anderen Stimmungen infiziert wird und sensibel aufnimmt was Andere vorgeben, der kann überlegen, in welchen Bereichen des Lebens er die Stimmung macht und welche Stimmung das ist. Normalerweise haben wir Spezialgebiete. Vielleicht können wir auch mit unseren Hunden in unserem spezialisierten Bereich arbeiten, oder wir finden heraus, dass wir in den gebrauchten Bereichen noch lernen können und sollten.

Schuld und Sühne

Ich bin Schuld, dass er an der Leine bellt, immerhin bin ich total unentspannt wenn ein anderer Hund kommt!…. Das ist ein Satz den man als Hundetrainerin oft hört. Dabei ist er genau bei diesem Beispiel normalerweise völlig ungerechtfertigt. Klar gibt es hier eine Stimmungsübertragung. Also das Phänomen, dass der Eine den Anderen in seiner Stimmung beeinflusst. Allerdings in die andere Richtung. Kein Mensch nimmt bei seinem süßen, friedlichen Welpen die Leine angstvoll kurz und geht zitternd auf den anderen Hund zu, weil er von einem Welpen infernalisches Geschrei erwartet. Andersherum wird ein Schuh draus. Der Hund beginnt normalweise in der Pubertät, damit andere Hunde auf dem Spaziergang enthemmt zu bepöbeln. Getreu dem Motto „er war so ein süßes Kind!“ überlegt sich der Besitzer nun, wer Schuld an dieser Misere und dem plötzlich auftretendem Verhalten sein könnte.

Die Frage nach Schuld ist in unserem Kulturkreis sehr wichtig. Sie führt zwar zu nichts, wird uns aber schon von Kind auf an eingeprägt. Wer hat denn angefangen? In diesem Fall lass ich mal die Unsinnigkeit der Schuldfrage weg und antworte genau auf das Bedürfnis passend. Wer hat angefangen? – Der Hund! Erst danach wird dem Besitzer Angst und Bange beim bloßen Gedanken an einen Spaziergang. Der Hund gibt eine Stimmung vor und ändert damit die Stimmung des Menschen. Nun ist es aber so, dass man nicht unbedingt das gleiche Gefühl oder den gleichen Antrieb zur Stimmung annimmt oder annehmen kann. Es überträgt sich eben nur eine Stimmung.

Starke Gefühle

Bleiben wir bei dem Beispiel des bellenden und knurrenden Hundes an der Leine. Die Hintergründe des Hundes sind enthemmte Wut, Ansprüche die er durchsetzen möchte und Aggression. Alles in hoher Stimmungslage, also aufgeregt. Durchaus eine Stimmung mit der man sich stark und energiegeladen fühlen kann.
Die Gefühle des Besitzers können nun verschieden darauf reagieren. Viele Menschen bekommen Angst. Angst vor der Reaktion ihres Hundes, der der anderen Menschen und auch Angst, dass es zu mehr als Gebell kommen könnte, wenn mal die Leine durch die Finger flutsch. Diese Angst ist eher unangenehm und lähmend, also komplett anders als die des Hundes und trotzdem von seiner Stimmung gelenkt.

Nun wird oft der Rückschluss des eigenen Gefühls wieder auf den Hund zurückprojeziert und einfach aus der eigenen Gefühlslage unterstellt: Der Hund hat Angst. Wer dann versucht besonders angstfrei zu wirken und diese entspannte Stimmung zu übertragen mag sich wundern, dass Angstfreiheit und Ruhe nicht die Gegenspieler zu Spaß an Aggression sind.

Die zweite Möglichkeit ist, dass tatsächlich die genau identische Stimmung mit dem passenden Gefühl übertragen wird. In diesem Fall wird nun auch der Besitzer des bellenden Hundes aggressiv. Entweder gegen seinen eigenen Hund, viel öfter aber gegen die anderen Hunde und Hundebesitzer. Ein echter Hass gegen friedlich spazierende Hunde kommt dann auf. Was fällt denen ein hier lang zu gehen? Wieso hat der Asch seinen Hund unangeleint und völlig frei von Angst einfach so laufen? Genau das was der eigene Hund ausdrückt, drückt nun auch der Besitzer aus: Wenn ich hier lang gehe haben alle anderen nach meinen Vorstellungen zu kuschen, ansonsten gibt es eine Standpauke.

Was kann dir helfen?

Was wäre nun eine bessere Stimmung die man auf den Hund übertragen könnte, ohne so zu tun, als hätte man keine Angst und ohne eine Leine locker in der Hand führen zu müssen, in dem Wissen, dass der eigenene Hund jederzeit losschießen könnte?
Handlungsfähigkeit und eigene Sicherheit zum Beispiel könnten helfen. Das Wissen um das Verhalten und die eigene Abgrenzung dazu können bereits Wunder bewirken. Das ist das Verhalten meines Hundes und das hier ist meine eigene Stimmung. Also kurz gesagt: Selbstreflexion über sich aus der Übertragung des Hundes zu trennen.

Aussteigen aus dem Stimmungskarussel mit Dingen, die funktionieren. Das könnte zum Beispiel ein freundlicher Gruß an den anderen Hundebesitzer sein. Ein Hinweis darauf, dass man das Verhalten des eigenen Hundes ebenfalls unmöglich findet und dabei ist daran zu arbeiten. Ein lächelnder Blick auf den anderen Hund, oder Mitleid für seine Angst vor meinem eigenen Hund.

Wer sich auf diese Stimmungen konzentriert ist zumindest schon mal bei seiner Eigenen und nicht mehr ausschließlich durch den Hund geleitet. Handlungsfähigkeit, also ein gutes Training mit hilfreichen Methoden kann einem ein Gefühl von Sicherheit geben.
Und dieses Gefühl ist dann auch echt und nicht nur vorgespielt, selbst wenn die Stimmung des Hundes erstmal so bleibt wie sie ist.

Sind Hilfsmittel sinnvoll?

Auch Hilfsmittel verbessern die Situation gewaltig. Ein Maulkorb macht es unnötig zu schimpfen, wenn ein unangeleinter Hund doch mal in die Nähe kommt. Ist mein Hund winzig, dann wird er den anderen nicht maßgeblich verletzen können. Ist der andere Hund riesig, dann kann ich immer noch als Mensch versuchen ihn weg zu scheuchen.

Die meisten Hunde sind durchaus schlau genug nicht an einen Hund heran zu gehen, der ihnen grade ernsthaft Schläge androht. Und allerschlimmstenfalls kommt es dann tatsächlich zu einer Keilerei direkt vor den Füßen des Hundebesitzers. Der eigene Hund ist gesichert. Es wird rechtlich keinerlei Konsequenzen haben für den eigenen Hund und er kann niemanden verletzen. Wer nun aufschreit, dass aber der eigene Hund Verletzungen davon tragen könnte dem sei gesagt: dass kann er auch, wenn er keinen Maulkorb trägt. Entweder beißt der andere Hund zu, oder nicht. Ob mein Hund dabei zurückbeißt wird nichts daran ändern.

Ein Kopfhalter und überhaupt sicheres Equipment kann die Grundvoraussetzung für ein Training sein und dafür die eigene Stimmung überhaupt ändern zu können. Wer mit 50 Kilo Lebendgewicht, seinen 60 Kilo schweren Hund erstmal versucht möglichst cool und entspannt vorbei zu führen, in dem vollen Wissen, dass er wie ein Fähnchen hinter dem Hund herweht, sobald dieser sich entscheidet los zu rennen, der übt am falschen Ende.
Das Wissen darüber den Hund auf jeden Fall halten zu können würde das mit dem entspannten Gehen schon einfacher machen.

Festige deine Stimmung

Wer eine Stimmung übertragen möchte, der sollte sich also erst Gedanken machen, welche Stimmung er denn vorgeben möchte und wie er sie selbst erreichen kann. Ich kann keine Stimmung versuchen vor zu geben und dann mal schauen, was beim Hund so ankommt. Also übe ich erst mit mir selbst was ich vorgeben möchte, bis es sitzt und klar und fest verankert ist. Erst dann kann ich etwas vorgeben.

Bei dieser Übung macht es Sinn nicht permanent von jemandem gestört zu werden, der sich in seiner grundlegend gegenteiligen Stimmung vollkommen sicher fühlt und mich damit souverän überschüttet während ich grade versuche die ersten Stimmungsschritte zu gehen.
Als Hundebesitzer übe also nicht einfach mal locker zu bleiben, während mein Hund an der Leine tobt, sondern vorher. Dafür kann man sich auch Hilfe von Profis holen, die überhaupt nichts mit Hunden zu tun haben, sondern Coaches für Menschen sind.

Die am häufigsten benötigte Stimmung in der Erziehung ist übrigens liebevoll zugewandte Souveränität und Geduld und nicht Entspannung. Zu wissen was man tut und will und es im festen Glauben etwas Gutes für sich selbst UND für den Hund zu tun durch zu setzen. Bestimmtheit um die Situation für alle zu verbessern. Weitblick auf ein Ziel, das allen zugute kommen wird und das Bewusstsein darüber, dass man grade als Lehrender dafür Sorge trägt, dass es dazu kommt. Das alles wären Einstellungen und Stimmungen die in kritischen Situationen mit dem Hund helfen. Ein ruhiges und überlegtes Handeln ist dabei nicht zu verwechseln mit Entspannung.
Entspannung hält sich raus. Souveränität greift helfend ein.

Entspannung lässt sich tatsächlich gut übertragen, wenn es zur Situation passt. Also zum Beispiel zu Hause, ohne andere Hunde und nach dem Stress um wieder auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen. Das kann man ausprobieren und sich einfach mal im Internet eine Anleitung für Autogenes Training herunter laden und diese im selben Raum mit dem Hund ausführen. Nur für sich alleine, ohne den Hund zu beachten, völlig egal was er tut. Die meisten Hunde versuchen kurz selber das Stimmungsruder in die Hand zu nehmen und fordern zum Spiel auf. Schnell finden sie zur Ruhe, so lange der Besitzer ganz bei sich und seiner Übung bleibt. Im Grundsatz kommen Entspannung und Souveränität aus dem gleichen Stall. Sie sind beide ruhig und besonnen. Somit ist die Grundrichtung zumindest schon einmal ähnlich.

Um sich darin aus zu probieren wie es sich anfühlt, kann man gut die Entspannung als erste Erfahrung nutzen 🙂

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Über die Autorin
Maren Grote HundetrainerinMaren Grote ist zertifizierte Hundetrainerin und CANIS-Absolventin. Mit ihren beiden Hunden Hummel und Nanu! lebt sie östlich von Hamburg, wo sie ihre Hundeschule „Lotte-Hundetraining“ betreibt. In ihren Seminaren und Einzelstunden berät Maren zu den Schwerpunkten Hundeerziehung, Ernährung und artgerechte Auslastung. www.lotte-hundetraining.de

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One Comment, RSS

  • Max

    says on:
    9. März 2018 at 16:15

    Hätte ich nie gedacht, dass zwischen Mensch und Hund auf beiden Seiten eine emotionale Abhängigkeit entstehen kann…

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