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Auslastung für Jagdhunde | CANDOG Blog

Hundetrainerin Nicole Lützenkirchen erklärt, wie du deinen Hund typgerecht auslastest, dadurch die Orientierung an dir förderst und den Rückruf festigst …

Was kann der jagdlich motivierte Familienhund von seinem Kollegen, der im jagdlichen Einsatz steht, lernen?

Leise folgt mir meine Deutsch Drahthaar Hündin, hält ohne Leine nah Kontakt und bleibt neben mir stehen wenn ich mir das Fernglas vor die Augen halte. Sie streckt die Nase in die Luft schaut mich an als ob sie sagen würde „Du, hast du es auch gerochen, da ist was“… Dabei ist sie ganz ruhig, gibt keinen Laut von sich.

Wir gehen leise weiter. Kein einziger Ast knackt unter ihren Pfoten. Brav legt sie sich neben den Rucksack unter den Hochsitz und wartet. Hin und wieder sehe ich ihr Ohrenspiel oder ihre Nase die in den Wind gestreckt ist. Wir lassen Rehe und Fuchs vorbei ziehen, ich genieße den Augenblick, die aufgehende Sonne, die Ruhe und verlasse mich voll und ganz darauf, dass sie dort unten wartet bis wir wieder nach Hause gehen, denn oft passiert einfach nichts.

Aber ich weiß, dass sie im Fall der Fälle da ist. Ein verletztes Stück Wild muss nachgesucht werden. Sie konzentriert sich genau auf diese eine Spur obwohl noch jede Menge andere Waldbewohner unterwegs sind. Zielsicher, langsam und mit tiefer Nase arbeitet sie die Spur aus.

Es fällt mir immer wieder schwer, mir vorzustellen was sie dabei alles wahrnimmt. Verschiedene Untergründe wie Wiese, Waldboden, Acker und Feldweg, jeder Untergrund für sich schon ein völlig anderes Geruchserlebnis. Hase, Fuchs und Dachs waren bestimmt auch da. Zu denen hat sie bestimmt auch eine Idee 😉 Sie bleibt aber auf dieser einen bestimmten Spur und sie will finden.

Der Weg wird für mich immer unwegsamer, also muss ich sie alleine gehen lassen, ohne Leine und darauf vertrauen, dass sie findet und mich holt… Weg ist sie, doch nach drei Minuten steht sie hechelnd mit einem Grinsen in der Schnüss und schwanzwedelnd vor mir. Ihre Blicke und ihre Körperhaltung sagen mir ganz deutlich: Komm mit, ich hab es gefunden. Sie pendelt zwischen dem Wild und mir hin und her, ich bin ihr zu langsam… Wir haben zusammen gefunden! Sie ist stolz und glücklich und ich bin ziemlich stolz auf sie und freue mich mit ihr. Wir bergen das Stück Wild. Die Suche ist vorbei.

Zufrieden machen wir uns zusammen auf den Heimweg.

Auf dem Weg zum Auto sehen wir auf dem Feld einen Hundehalter mit seinem Jagdhund. Ein stattlicher Rüde, ziemlich schicker Kerl. Nicht das erste mal dass ich diese beiden morgens hier treffe. Und immer wieder dasselbe Bild. Eine ständig wiederkehrender Ablauf von Ball werfen Ball bringen, Ball werfen Ball bringen … bis der Hund die Zunge fast über den Boden schleifen hat.

Mir blutet das Herz…

Habe ich gerade gesehen welch wahnsinnige Leistung ein Hund erbringen kann, mit welcher Freude er seine Arbeit erledigt und wie zufrieden er ausschaut, wenn wir gemeinsam eine Aufgabe gemeistert haben und da vorne gibt es leider keine andere Idee.

Auslastung für Jagdhunde | CANDOG BlogDie Welt des Jagdhundes hat sich entscheidend geändert. War er früher ein reiner Gebrauchshund und wurde entsprechend seiner Veranlagung ausgebildet und eingesetzt, ist er heute selbst in Jägerhand mehr Familienhund als Jagdgefährte.

Der größte Teil der Jagdhunde sind heute arbeitslose Spezialisten. Ihre besonderen Eigenschaften, die durch Zucht und Selektion gefördert und verfeinert wurden, sind nicht mehr gefragt, machen uns den Alltag auf den Spaziergängen schwer und führen uns oft an den Rand der Verzweiflung.

Wird ein jagdlich motivierter Hund nicht seinen Anlagen gemäß gefördert, kann es zu Problemen für den Hund, für den Hundehalter und für die Umwelt führen. Unkontrolliertes Jagen kann dabei eins der Probleme sein und führt zu Stress an beiden Enden der Leine.

Nichts desto trotz sind sie tolle umgängliche Familienhunde. Sie haben nicht umsonst so sehr unsere Herzen erobert. Bringen sie doch immer noch einen Hauch von Freiheit mit… Freiheit, die wir vielleicht gar nicht mehr so leben können, wie wir es wollen.

Lass uns doch mal genau hinschauen, wie du deine Spaziergänge in der freien Natur gestalten kannst. Welche Möglichkeiten gibt es da genau?

Suchen und Apportieren, Fährte oder Schleppe sowie das Verweisen sind dabei einige der möglichen Beschäftigungsformen, die sich für dich und deinen Hund übernehmen lassen um die Zusammenarbeit zwischen dir und deinem Hund zu fördern und auch ohne Wild seine Spezialisierung zu nutzen.

Apportieren – mehr als Bällchen holen?

Definitiv ja! Du musst dich nicht zur Bällchenwurfmaschine degradieren um deinen Hund auszulasten.

„Apportieren ist für dich eine gute Möglichkeit deinen Hund zu beschäftigen, ihn zum denken zu bringen und sein Interesse an dir und an dem was du tust zu fördern. Du hast unter anderem die Möglichkeit deinen Hund zu lenken, ihn zu stoppen, Absprachen in Hinsicht auf Beute zu treffen und seine Ruhe zu fördern.“

Warum sollte dein Hund Apportieren können?

  • Ihr könnt etwas gemeinsam tun
  • Dein Hund wird seinen Anlagen gemäß gefördert
  • Ihr könnt gemeinsam Absprachen über Beute treffen
  • Du kannst seinen Gehorsam festigen und seine Ruhe fördern

Auslastung für Jagdhunde | CANDOG BlogWie schaut es eigentlich mit der Motivation deines Hundes aus einen Gegenstand aufzunehmen? Kommt er gerne mit seinem Lieblingsspielzeug oder Dummy auf dich zu oder ist er eher verhalten. Was hat er für eine Erwartungshaltung, was mit ihm und seinem Lieblingsspielzeug/Dummy passiert wenn er auf dich zukommt? Du kannst über das Apportieren wichtige Absprachen über eure „Beute“ treffen und seine Bringfreude dabei fördern.

Apportieren ist nicht einfach nur holen und bringen. Du kannst deinen Hund wunderbar dazu bewegen dich dabei zu beobachten was du als nächstes für eine spannende Aufgabe stellst. Fördere seine Ruhe in dem du sein ruhiges Abwarten belohnst. Verändere seine Erwartungshaltung dadurch das nicht immer nur er, sondern auch mal du das Dummy holst. Er weiß einfach nicht was als nächstes kommt und bleibt mit seinem Kopf ganz bei dir.

Nebenbei kannst du prima deine eigene Körpersprache schulen. Hinterfrage eine Aufgabe die nicht so funktioniert hat wie du es dir vorgestellt hast. Warum ist dein Hund gerade nach links gelaufen obwohl du rechts gemeint hast? Warst du nicht eindeutig mit deiner Körpersprache? Waren deine Gesten nicht eindeutig? Bist du eindeutig in deinen Körpergesten, so kann sich dein Hund wunderbar an dir orientieren.

Finde Variationsmöglichkeiten und sei kreativ bei der Aufgabenstellung.

Ach, und was passiert eigentlich wenn du das Dummy so versteckt hast, dass dein Hund es zwar in der Nase hat und es sieht aber nicht dran kommt? In diesem Moment hat er definitiv einen Konflikt. Welche Lösungsstrategie entwickelt er? Bleibt er ruhig davor sitzen und wartet bis du kommst? Holt er dich sogar oder will er den Baum am liebsten fällen in dem das Dummy liegt? Seine Strategie verrät dir schon einmal sehr viel über ihn.

Teamplayer oder Einzelkämpfer?

Braucht er mich wirklich um die Aufgabe zu lösen oder probiert er es selbst erst einmal. Das gibt dir unter Umständen auch Aufschluss darüber was du auf einem Spaziergang zu erwarten hast. Bezieht dich dein Hund in seiner Lösung mit ein? Probiere es aus! Nach und nach wirst du eure Stärken erkennen und an euren Schwächen zielgerichtet arbeiten können.

Arbeiten auf der Spur

Dein Hund kann lernen einer von dir definierten Spur zu folgen und Wildspuren dabei auszuklammern. Das kann zum Beispiel die Spur eines gezogenen Dummys sein. Wichtig ist hierbei, dass dein Hund Interesse an dieser Spur hat und ihn der Geruch zur Spur zieht. Hat er kein Interesse oder löst der Geruch ihn an der Spur einfach nicht aus, wird es schwer für dich deinem Hund zu erklären dass er suchen soll. Verbindet er aber etwas Positives mit seinem Dummy und hat eine Erwartungshaltung, das es sich lohnt wenn er findet, wird er der Spur treu bleiben und es finden wollen.

Auslastung für Jagdhunde | CANDOG Blog

Gestalte den Anfang, die Spur selbst und das Ende der Spur deinem Hund entsprechend. Ist dein Hund eher jemand der sofort los rast? Dann gib ihm am Anfang die Möglichkeit sich erst einmal mit dem Geruch auseinander zu setzen und sich darauf zu konzentrieren. Gebe du das Tempo vor und lass dich nicht durch Wald und Wiese zerren. Ist dein Hund recht zögerlich, zeige ihm, dass auch du auf jeden Fall finden möchtest. Tu so als würdest du selber suchen, hocke dich hin, rieche an Blättern und Ästen, mache deinen Hund neugierig. Du wirst sehen, er möchte bestimmt wissen was du da gerade tust…

Um die Spur selbst zu gestalten gibt es unendlich viele Möglichkeiten. Überlege dir, was du deinem Hund mit der Spur sagen möchtest. Du kannst folgende Faktoren variieren:

  • Geruchsstoff „Was wird gesucht“ (Dummy; bestimmte Flüssigkeit; Person…)
  • Untergrund „Wo wird gesucht“ (Feld; Wald; Wiese; Asphalt…)
  • Wetter „Welche Wetterbedingungen habe ich“ (Sonne; Regen; Wind; Schnee…)
  • Stehzeit der Spur „Wie alt ist die Spur bereits“
  • Temperatur

Das Ende der Spur – Wenn dein Hund findet

Findet dein Hund am Ende der gelegten Dummyspur seinen Dummy, freue dich mit ihm das er gefunden hat, motiviere ihn es aufzunehmen und mit dir zum Ausgangspunkt der Spur zurück zu laufen. Tausche hier das Dummy und beendet die Aufgabe. Du kannst das Dummy natürlich auch so auslegen, dass dein Hund es in der Nase hat, es auch sieht aber selber nicht dran kommt. Er braucht deine Hilfe und muss dich für die Lösung des Problems mit einbeziehen. So bist du wieder in seinem Kopf und ihr löst den Fall gemeinsam.

 Sei auch hier kreativ und habe Spaß daran neue Aufgaben zu stellen. 

Das Arbeiten schweißt euch auf jeden Fall zusammen. Ihr habt Spaß miteinander und du rückst wieder näher in den Fokus deines Hundes. Ganz nebenbei förderst du das Kontakthalten und die Ruhe deines Hundes. Jeder lernt den anderen besser zu lesen, ihr habt Absprache über Beute getroffen und seid somit auch berechenbarer füreinander.

Du kannst in einem gesicherten Rahmen überprüfen, ob ihr bereits ein gut funktionierendes, aufeinander abgestimmtes Team seid, ob du deinen Hund lenken kannst und du ihn somit im Fall der Fälle unter Kontrolle hast.

Die Beschäftigung mit deinem Hund und seinen Fähigkeiten gibt dir auf jeden Fall neue Einblicke in sein besonderes Wesen und führt zu einem besseren Verständnis und zur „Brauchbarkeit“ als Familien und Arbeitshund.

Nähere Erklärungen und viele Übungen, vor allem für den nicht jagdlich geführten Hund, findest du im Buch „Suchen und Apportieren“ von Anton Fichtlmeier.

Fotos: Nicole Lützenkirchen

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Über die Autorin
Nicole Lützenkirchen (C) Mein WildfangNicole Lützenkirchen ist Jägerin, Ausbilderin für Jagdgebrauchshunde und Familienhunde mit jagdlichen Ambitionen und Inhaberin der Hundeschule „Mein Wildfang“ in Leverkusen. Ihr ist eine zeitgem. Einstellung zur Jagd im Hinblick auf den Respekt vor der Natur, dem Wild und dem Menschen wichtig.

Ebenso die zeitgemäße Ausbildung von Familien.- und Jagdhunden. Das durch die Jägerprüfung erlangte Wissen über die Natur und das Wild, macht es ihr möglich die Welt im Kopf eines jagenden Hundes besser erklären zu können. www.mein-wildfang.de


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