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Ist dein Hund ein Nasenjäger oder Sichtjäger | CANDOG Blog

HUNDEVERHALTENSBERATERIN SUSANNE LAST ÜBER DEN FEINEN UNTERSCHIED.

Viele Hundehalter wissen davon ein Lied zu singen: Sie sind mit ihrem Hund unterwegs, genießen die herrlich frische Waldluft und lassen die Seele baumeln. Ein bisschen Freizeit und Erholung, den Hund einfach Hund sein lassen und gemeinsam den Spaziergang genießen. Doch eine plötzliche Bewegung, ein Rascheln und weg ist er… Wie aus dem Nichts taucht plötzlich Wild auf, ein Reh oder der Hase springt aus dem Gras auf und wie der Blitz startet der Hund durch. Eben noch schnuppernd am Wegesrand, gemütlich schlendernd und innerhalb eines Bruchteiles einer Sekunde verschwindet er im Wald oder am Horizont. Manch ein Hund ist gut zu stoppen, reagiert auf den Rückruf oder -Pfiff, andere hören und sehen nichts mehr und jagen dem Wild hinterher. Zurück bleibt mindestens der Schreck in den Knochen, wenn nicht gar für einige Zeit ein verlassener Hundehalter am Wegesrand.

Der Unterschied

Doch nicht jeder Hund reagiert auf die gleichen Reize. Hunde wurden im Laufe der Domestikation auf unterschiedliche Verhaltensweisen selektiert. Der Mensch hat sich den Hund geformt, wie er ihn gebrauchen konnte. So gibt es Spezialisten, die auf die Nasenarbeit fokussiert sind, während andere überwiegend auf optische Reize reagieren, die sogenannten Sichtjäger. Zu diesen zählen zum Beispiel die Windhunde und auch die Hüte- bzw. Treibhunde, aber auch manch ein Terrier hat hier seinen Schwerpunkt. Zu den Hunderassen, die vor allem mit Hilfe ihrer Nase jagen, zählen zum Beispiel Beagle, Basset und Bracken. Natürlich gibt es auch Ausnahmen von der Regel.

Ich habe schon Aussies erlebt, die vorzugsweise Geruchsspuren nachfolgten statt auf Bewegung zu reagieren, dies sei der Vollständigkeit halber erwähnt.

Sicht- oder Nasenjäger?

Doch worin unterscheiden sich diese Hunde im Wesentlichen? Die Natur hat sich hier gemäß der Evolution weiterentwickelt und die Hunde mit unterschiedlichen Merkmalen ausgestattet, die ihnen die verschiedenen Wahrnehmungs-Sensibilitäten ermöglichen. Man kann sich gut vorstellen, dass es zwischen Sicht- und Nasenjäger Unterschiede in Anatomie oder Physiologie geben muss, mindestens in der Verarbeitung der wahrgenommenen Reize.

Und so ist es auch: Das Gehirn ist in wesentlichen Teilen bei allen Säugetieren ähnlich aufgebaut. Die verschiedenen Gehirnareale variieren in Größe und Kapazität, so hat der Hund einen sehr viel größeren Bereich zur Verarbeitung von geruchlichen Informationen als zum Beispiel der Mensch. Dieser wiederum verfügt dagegen über einen Bereich, der mit Sprache zu tun hat. Dieser Gehirnteil ist auch beim Hund vorhanden, allerdings in anderer Struktur. Für einige Bereiche sind die Funktionen auch noch nicht erforscht. Hier werden aber zukünftig von der Wissenschaft weitere Ergebnisse zu erwarten sein. Das Hundehirn an sich ist also bei allen Hunden im Wesentlichen gleich aufgebaut.

Was aber unterscheidet nun den Sicht- vom Nasenjäger?

Die Reize, die ein Hund wahrnimmt, werden über die Sinnesorgane an das Gehirn weitergeleitet. Einen taktilen Reiz bei Berührung leiten die Nervenzellen der Haut weiter, ein optischer Reiz wird vom Auge, ein akustischer vom Ohr und ein olfaktorischer über die Nase in die entsprechenden Gehirnareale weitergeleitet und dort verarbeitet, abgeglichen, bewertet und dann folgt eine Reaktion des Hundes.

Unterschiede gibt es bei der optischen Wahrnehmung jedoch vor allem im Bereich der Farben. So können Hunde bestimmte Farben wie Rot- und Grüntöne nicht unterscheiden. Beide erscheinen für den Hund als Grau, mal heller, mal dunkler. Daher erkennt der Hund zum Beispiel ein bewegungslos verharrendes Reh vor einer Böschung nicht. Er entdeckt es erst, wenn es sich bewegt, weil er den Bewegungsreiz wahrnimmt, aber die braune Fellfarbe mit dem grünen Hintergrund im Grau verschwindet.

Rehe aus Sicht des Menschen | CANDOG Blog
Rehe aus Sicht des Menschen
Rehe aus Sicht des Hundes | CANDOG Blog
Rehe aus Sicht des Hundes

Auch die Anordnung der Augen am Schädel gibt Hinweise darauf, wie es mit der Impulskontrolle des Hundes bestellt ist. Bei einer Anordnung der Augen relativ mittig an der Vorderseite eines breiten Schädels wie zum Beispiel beim Boxer verfügt der Hund über einen großen Bereich des sogenannten binokulären Sehens. Dies ist der Bereich, in dem der Hund optische Reize mit beiden Augen gleichzeitig wahrnimmt. Die Verarbeitung der Reize erfolgt relativ gleichzeitig in allen wichtigen Gehirnbereichen. Hunde, deren Augen eher seitlich am Schädel platziert sind, wiederum vor allem Hunde, deren Nase sehr lang ist, haben einen im Verhältnis sehr viel schmaleren Bereich des binokulären Sehens. Sie sehen viel mehr mit nur einem Auge. Auch dies hat einen Einfluss auf die Reaktionsgeschwindigkeit bei wahrgenommenen Reizen:

 Diese Hunde starten schneller durch und haben eine weniger gute Disposition für Impulskontrolle. 

Doch es gibt noch mehr Unterschiede:

So befinden sich bei bei manchen Hunden auf der Netzhaut im Augenhintergrund besondere Stäbchen, die es dem Hund ermöglichen, Bewegungen in großer Entfernung wahrzunehmen. Interessanterweise besteht ein Zusammenhang zwischen dem Vorhandensein dieser speziellen Zellen und der Nasenlänge. (1)

Schaut man sich an, bei welchen Hunden dies vor allem der Fall ist, findet man auch im entsprechenden impulsiven Verhalten dieser Hunde eine Bestätigung des Zusammenhangs von Nasenlänge und der Disposition, bei Reizwahrnehmungen direkt durchzustarten. So zählen vor allem die Windhunde wie zum Beispiel Windspiel, Barsoi und Podenco aber auch Collies und einige Terrier mit langer Nase zu den Hunden mit einer großen Bereitschaft, impulsiv auf Bewegungsreize zu reagieren. Bei all diesen Hunden findet sich die Position der Augen auch eher seitlich am Kopf als denn frontal mittig, da die Kopfform der genannten Rassen weniger breit als vielmehr schlank und schmal ist.

Dies alles macht auch Sinn, denkt man über deren ursprüngliche Aufgabe als Jagdbegleiter nach. Hüteverhalten als spezialisiertes Jagdverhalten kann nur von einem Hund ausgeführt werden, der in der Lage ist, auf große weite Entfernung Bewegungsreize wahrzunehmen und impulsiv zu reagieren. Gleiches gilt für Windhunde, die über weite Strecken die Beute erspähen und jagen sollen. „Zündet“ der Hund nicht von Null auf Hundert im Bruchteil einer Sekunde, kann er seinen Job nicht effizient ausführen. Diese Hunde sind genetisch und anatomisch darauf ausgelegt, impulsiv zu handeln, sobald ein entsprechender Reiz wahrgenommen wird.

Selbstverständlich ist dies in vielen Fällen heutzutage ungünstig bzw. unerwünscht: Wer möchte schon gerne warten, bis sein Hund vom Jagen zurückkommt. Abgesehen von den Gefahren, denen ein Hund dann ausgesetzt ist.

Der Hund ist ein Hund ist ein Hund

Die Hunde werden in der Regel und von den wenigen wirklichen Arbeitshunden einmal abgesehen, als Familienmitglieder gehalten. Sie sollen gesellschaftlich angepasst und möglichst unauffällig sein, vor allem nicht jagen gehen oder impulsiv aggressiv sein. So kommt der Erziehung und dem Umgang mit einem solchen Hund besondere Bedeutung zu, an deren Anfang Akzeptanz der hündischen Genetik und Disposition steht. Doch auch die Frage nach sinnvoller Auslastung stellt sich für den
Hundebesitzer.
Oft zeichnen sich diese „besonderen“ Hunde durch eine schnelle Auffassungsgabe und große Schnelligkeit aus und erscheinen daher dem geneigten Besitzer optimal geeignet für schnelle Sportarten wie Agility oder Flyball. Doch nicht selten ist das Gegenteil der Fall. Je sensibler der Hund auf Bewegungsreize reagiert, umso schneller ist er genau durch diese überfordert.
Trainiert man sozusagen von klein auf das Durchstarten hinter Bewegungsreizen – und auch Fahrradfahren oder schnelles Laufen kann dazu gehören, dann kann man im späteren Alter keinen entspannten Hund erwarten. Oft kommen später mehr Probleme hinzu, denn nicht selten haben genau diese Hunde später Ängste vor Geräuschen oder Probleme mit dem
Autofahren. Sie verfügen über keine sinnvolle Eigenkontrolle und mutieren zu sogenannten Kontrollfreaks oder Balljunkies. Wichtiger für diese Hunde wäre zu lernen, was ihre Lebensqualität tatsächlich erhöht: Ruhe zu halten und abschalten zu können. Nur so kann es gelingen, den Hund als das zu akzeptieren, was er ist: Ein sozialer Beutegreifer mit extremer Spezialisierung, dessen Verhalten es zu lenken und dessen Bedürfnisse es zu befriedigen gilt.

Selbstredend sollten wir nun nicht alle mit unseren Hunden Hasen und Rehe jagen gehen, weil sie dies so besonders gut können. Dennoch sind diese Erkenntnisse eine wichtige Voraussetzung für Verständnis und Akzeptanz hündischen Verhaltens. Nicht wenige Hunde sind nämlich gerade mit diesen besonderen Fähigkeit überfordert. So reagieren sie auf alle möglichen Reize besonders sensibel und unangemessen heftig. Hier ist eine individuelle Vorgehensweise mit großer Fachkenntnis und Fingerspitzengefühl gefragt, um diesen Hunden eine größtmögliche Lebensqualität zu bieten. Doch ganz am Anfang steht Erkenntnis und Fachwissen, welcher Wolf im Schafspelz schlummert.

 Schau Dir Deinen Hund genau an und verstehe, was in ihm steckt. Dann mach was draus. 

In diesem Sinne – viel Erfolg!

(1) McGreevy, P.D. et al.(2004) A strong correlation exists between the distribution of retinal ganglion cells and nose length in the dog. Brain Behav Evol. 2004;63(1):13-22 (http://sci-hub.io/10.1159/000073756) http://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/14673195

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Über die Autorin
susanne-last-teaser_350Susanne Last ist ausgebildete Tierheilpraktikerin, Natural Dogmanship®– Instruktorin und von der Tierärztekammer Schleswig-Holstein zertifizierte Hundetrainerin und Verhaltensberaterin, so wie im Besitz der Erlaubnis nach §11 Tierschutzgesetz zum ausbilden von Hunden.
In Kummerfeld bei Hamburg bietet sie Hundetraining und Verhaltensberatung unter www.animal-coaching.de an und schreibt leidenschaftlich gerne auf ihrem eigenen Blog http://canilogie.blogspot.de / http://www.doginetik.blogspot.de

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