Home > Wissen Hund > Wie Dein Hund die Angst überwindet

UNSICHERHEIT IST DIE ANGST, ETWAS ZU ENTBEHREN ODER ZU VERLIEREN.

HUNDEVERHALTENSBERATERIN UND TIERHEILPRAKTIKERIN SUSANNE LAST ÜBER ANGSTHUNDE.

Einen Blogartikel über Angst bei Hunden zu schreiben, ist eine echte Herausforderung. Das Thema ist so umfassend und detailreich, dass die Gefahr groß ist, etwas wirklich Wichtiges auszulassen. So frage ich mich, was wollen die Hundehalter wissen, um mit der Angst ihres Vierbeiners besser umgehen zu können. Und dabei fällt mir Abby ein. Abby ist für mich der Inbegriff von Angst bei Hunden, Abby ist ein echter „Angsthund“. Diese scheint es so oft zu geben, dass sie es im Hundeuniversum scheinbar zu einer eigenen Rasse gebracht haben.

Was mir aber auch in den Sinn kommt, sind die Besitzer von „Angsthunden“. Die Besitzer von Angsthunden sind in der Regel Menschen, die es mit Sicherheit gut mit ihren Hunden meinen. Die meisten von ihnen wollen helfen, dem Hund ein neues, besseres Leben ermöglichen und übernehmen Hunde aus schlechter Haltung, aus dem Tierschutz oder Ausland.

Die Geschichte von Abby

Sie lebte bis zu ihrer Ausreise in einem Tierheim in Ungarn mit vielen anderen Hunden etwa 2 Jahre lang zusammen. Dann kam sie nach Deutschland. Hier lerne ich Abby kennen.

Die Problematik bei dieser Hündin ist: Sie verlässt für nichts und niemanden auf der Welt ihren Korb. Nicht einmal, um sich zu lösen. Sobald sie ein Geschirr oder Halsband an sich spürt, fällt sie in sich zusammen und ist zu keiner Bewegung fähig. Trägt man sie nach draußen in den Garten, versucht sie zuerst in Panik aus dem Geschirr zu entfliehen und sackt dann schließlich wieder in sich zusammen. Lösen tut sie sich nicht. Bewegen auch nicht. So trägt man sie wieder ins Haus und irgendwann in der Nacht löst sie sich neben dem Körbchen und frisst etwas.

Was Abby erlebt hat, wissen wir nicht. Das Einzige, was Hinweise gibt, ist ein Video aus Ungarn, auf dem zu sehen ist, wie Abby auf einer eingemauerten Fläche mit vielen anderen Hunden zusammenlebt. Abby allerdings hält sich nicht inmitten der anderen Hunde auf, sondern ist in einer dunklen Scheune zu finden. Dort sitzt sie auf dem Lattenrost eines alten Bettes in der Ecke und flieht, als sie bemerkt, dass sie gefilmt wird. Draußen wird sie sofort von mehreren Rüden belästigt, die hinter ihr herlaufen und penetrant versuchen, sie zu besteigen.

Hunde mit Angst kann man aber auch in weniger dramatischen Situationen erleben:

candog-blog-hund-hat-angst_800Ob es der Hund ist, der am Artgenossen vorbeigeführt wird oder der, der am Zaun den Postboten verbellt. Ob es der kleine Wuschel ist, der auf keinen Fall auf Gras laufen möchte und damit über die Pinkelstellen von Artgenossen oder derjenige, der bei Regentropfen an der Glasscheibe sein Heil im Keller sucht.

Angst beginnt nicht erst, wenn der Hund bereits ausgeprägte Anzeichen zeigt und vielleicht schon krank vor Angst wird. Angst baut sich immer da auf, wo der Hund mit einer Situation überfordert ist und er für sich keine Handlungsalternativen mehr sieht.

An dieser Stelle müsste ich eigentlich wissenschaftlich die Unterscheidungen zwischen Angst, Furcht, Unsicherheit und Phobie machen. Ich verweise hier an dieser Stelle auf die einschlägige Literatur und entsprechende Fachartikel, die Du unter dem Artikel findest. Ich mache hier die Unterscheidung nicht, denn sie stammt aus der Humanpsychologie, und es ist für den Hund kein Unterschied, ob er Angst hat oder eine Phobie. Beides fühlt sich gleich an, die Übergänge sind fließend und das, was sich physiologisch im Hund abspielt, ist nur in der Intensität verschieden.

Was genau passiert bei Angst?

Einfach dargestellt, muss man sich das folgendermaßen vorstellen: Der Körper registriert einen Reiz, der über die Sinnesorgane Augen, Ohren, Haut, Zunge oder Nase aufgenommen wird. Dieser Reiz löst entweder eine sofortige Reaktion aus, sofern der Hund dafür besonders disponiert ist. Neurophysiologisch findet man im Prinzip die gleichen Reaktionen vor, die ein Hund auch bei Stress erlebt: Die typischen Stresshormone wie Adrenalin und Cortisol werden ausgeschüttet und machen den Hund reaktionsfähig. Auch hier verweise ich im Einzelnen auf die entsprechende Fachliteratur.

Eine besondere Reizsensibilität findet man vor allem bei Hunden, deren Schnauze lang ist. Dies lässt sich auch anatomisch und evolutionär begründen, soll aber später einen eigenen Artikel erhalten. Die Sofortreaktion auf den wahrgenommenen Reiz verläuft umso spontaner, je impulsgesteuerter der Hund ist. Auch dies hängt zum einen von seiner Anatomie ab, zum anderen jedoch auch von seinen bisher gemachten Erfahrungen in Bezug auf mögliche Gefahrensituationen, aber auch von der Beziehungsqualität zur Bezugsperson und seiner aktuellen Stress-Situation ab.

Die Sofortreaktion kann Flucht oder Angriff, in einigen wenigen Fällen auch eine Übersprungshandlung oder Flirtverhalten sein. Sehr selten – so bei Abby – kann man auch das sogenannte Einfrieren sehen.

Diese  „4 F’s“, wie sie auch genannt werden: Fight, Flight, Flirt und Freeze,  sind die wissenschaftlich benannten Verhaltensmöglichkeiten bei Angriff durch Sozialpartner. Meine Erfahrung ist: Diese 4 F’s sind Antworten auf alle möglichen Reize, auch wenn es sich um die unbelebte Umwelt handelt wie z.B. ein vorbeifahrender LKW und nicht nur im sozialen Kontext unter Artgenossen zu sehen.

Auf jeden Fall wird der Hund in Reaktion auf den Reiz einer dieser Verhaltensweisen an den Tag legen. Je nachdem, welche Reaktion epigenetisch und durch Lernerfahrungen gefestigt ist, wird er sie „zünden“.

Wenn dies nicht ausreicht, eine Distanz zu dem auslösenden Reiz zu schaffen, ist die Reaktion wertlos für den Hund. Sie führt nicht zum Erfolg, der eine Distanzvergrößerung und damit eine Sicherung seiner Individualdistanz wäre. Denn darum geht es in den meisten Fällen: Der Reiz bedroht in erster Linie die Individualdistanz des Hundes. Das kann die Oma sein, die den Hund unbedingt anfassen will oder der Postbote, der in das Territorium eindringt. Es kann aber genauso der Artgenosse aus der Nachbarschaft sein, der ständig in das eigene Territorium markiert, wie auch die Nachbarskatze oder ein anderer Eindringling.

 In der Regel geht es um Selbstverteidigung.  

Die Individualdistanz ist individuell und auch situativ unterschiedlich groß. Sie reicht von den Umrissen des eigenen Körpers und dem Bestreben, diesen unversehrt zu wissen bis hin zur Gassirunde inklusive allen Häusern, Beutetieren und Pinkelstellen. Meistens beinhaltet sie mindestens den Radius, in dem sich der Sozialpartner und/oder der/die BesitzerIn aufhalten. Es geht dem Hund vordergründig um die Sicherung seiner Individualdistanz und allem, was dazu gehört.

Führt also die gewählte Maßnahme nicht zum Erfolg, wird sie – so die Lerntheorien – seltener gezeigt.

Und das ist auch so. Stattdessen wird eine neue Lösung beim nächsten Reiz gesucht, die erfolgversprechender ist. Dies kann dazu führen, dass der Hund, der sich zunächst unterwürfig und devot von einem Menschen anfassen lässt, plötzlich zuschnappt.

Er muss eine neue Strategie zur Distanzvergrößerung wählen, da seine erste Wahl, in diesem Fall flirten, nicht erfolgreich war. Fliehen kann er vielleicht nicht, also bleibt nur noch der Angriff. Der überraschte Mensch hat es nicht kommen sehen und zieht erschrocken seine Hand zurück.

Die Maßnahme war also erfolgreich und wird damit – wieder nach den Lerntheorien – öfter, schneller und heftiger gezeigt. So schnell kann aus einem ängstlichen ein aggressiver Hund werden.

Die gute Nachricht, Angst ist beeinflussbar

candog-blog-pfote-hand-herz_800Angst ist aber auch und vor allem beeinflussbar durch die Beziehungsqualität zum Besitzer.

Ist die Beziehung zum Besitzer gekennzeichnet durch eine primäre und sichere Bindung, fällt es dem Hund umso leichter, Angebote durch den Besitzer anzunehmen und sich in seiner Angst helfen zu lassen. Dies betrifft vor allem Alternativen zum bisherigen Verhalten.

Der Hund sollte optimalerweise beeinflussbar durch den Besitzer sein, die Basis hierfür findet sich nicht in einer hierarchischen und von Dominanz geprägten Beziehung, sondern vielmehr in einer Beziehungsstruktur, die derer unserer menschlichen Familie ähnelt. Hierbei sollte der Hundebesitzer die Rolle des erziehenden Fürsorgegaranten innehaben und der Hund die Kindrolle genießen dürfen.

Damit ist die Voraussetzung gegeben, dass der Hund sich am Menschen orientiert, Grenzen akzeptiert, da sie in seinem Vorteil gesetzt werden und über die Zeit des gemeinsamen Zusammenlebens eine soziale Integration seiner Persönlichkeit erlebt hat. So kann er sich darauf einlassen, was der Mensch vorschlägt, um die Angst zu überwinden. Kein Medikament, kein Hilfsmittel der Welt kann mit dem wie ich es nenne: social support mithalten.

Hat der Hund verstanden, dass sein Mensch ihn in der Regel nicht in Überforderungssituationen bringt, fällt es ihm umso leichter zu vertrauen, dass gut für ihn ist, was der Mensch ihm zumutet. Dann ist es auch egal, ob es das Gewitter, Silvester oder ein vorbeifahrender Rollerskater ist. Der Hund vertraut dem Menschen und hat damit seine Impulse unter Kontrolle.

Ein Grund mehr, Hunde nicht – egal aus welchem Grund – zusätzlich zu traumatisieren, indem man mit Wasserflasche, Wurfschelle oder Sprayhalsband oder auch Führgeschirren oder anderen zweifelhaften Hilfsmitteln das Vertrauen des Hundes missbraucht, um vermeintliches Fehlverhalten des Hundes abzustellen.

Der Hund ist keine programmierbare Festplatte. Nicht im Positiven und nicht im Negativen. Der Hund ist sozial und hat ein Anrecht darauf, sozial integriert zu werden. Das ist – aus meiner Sicht – unsere Aufgabe als Hundehalter.

Das Geschenk ist ein Hund, der uns überall hin begleitet: unaufgeregt, unauffällig und ohne Belästigungen für andere. Angstfrei und wenn es dann doch einmal knallt oder etwas Ängstigendes passiert – beim Besitzer ist man immer in Sicherheit. Dies wünsche ich allen Menschen und ihren Hunden.

 Abby hat übrigens ein neues Zuhause gefunden, in dem sie dank der Anwesenheit von freundlichen Artgenossen, ihre Ängste zumindest teilweise überwinden konnte. 

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Susanne empfiehlt Dir die folgende Lektüre zum Weiterlesen:

  • Unterscheidung Angst, Unsicherheit, Phobie in der Wuff
  • Böhm, Imke: Dissertation Vergleich der Stressauswirkungen anhand von Speichelcortisolwerten und der Lerneffekte von drei Ausbildungsmethoden bei Polizeidiensthunden

Einige Bücher zum Thema

 

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Über die Autorin
susanne-last-teaser_350Susanne Last ist ausgebildete Tierheilpraktikerin, Natural Dogmanship®– Instruktorin und von der Tierärztekammer Schleswig-Holstein zertifizierte Hundetrainerin/ Verhaltensberaterin, so wie im Besitz der Erlaubnis nach §11 Tierschutzgesetz zum ausbilden von Hunden.

In Kummerfeld bei Hamburg bietet sie Hundetraining und Verhaltensberatung unter www.animal-coaching.de an und schreibt leidenschaftlich gerne auf ihrem eigenen Blog http://canilogie.blogspot.de


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